Featured

Die Reise nach Villenueve-Loubet

Die 15. Zugreise an das westliche Mittelmeer seit 2010 sollte sich als die abenteuerreichste, spannendste und schmerzhafteste Tour erweisen.

Nachdem ich im letzten Jahr in Cagnes-sur-Mer war, entschied ich mich, im Sommer 2026 nach Villeneuve-Loubet zu reisen, einem Ort, der eine Bahnstation westlich von Cagnes liegt. Dabei muss zwischen den Orten Villeneuve-Loubet Village und Villeneuve-Loubet Plage unterschieden werden. V-L Village ist tatsächlich ein typisch provenzalischer Ort, der etwas weiter nördlich von V-L Plage im Landesinneren liegt. Da ich mir die Örtlichkeiten schon im Jahr 2025 angeschaut habe, wusste ich genau, auf was ich mich einlassen würde. So gestaltete sich die Vorbereitung auf die Reise mit den Zugbuchungen und der Auswahl des Hotels unspektakulär. Jener Part der Reise ist aber mehr oder weniger schon Routine, wenngleich es auch dann noch im Nachgang zu Überraschungen kommen kann.

Zwei Wochen vor dem Reisebeginn

Am 4. Juli – zwei Wochen vor Reisebeginn – landete eine E-Mail der DB-Reisebegleitung in meinem Postfach mit folgendem Betreff: „Fahrplanänderung für Ihre Reise nach Karlsruhe Hbf am 18. Juli 2026“. Im Body wurde mitgeteilt, man solle sich eine Alternative suchen.
Das war im ersten Moment ärgerlich, und gedanklich nahm das Bahn-Bashing seinen Lauf. In diesem Fall war die Buchung eines anderen Zuges kein Problem. Allerdings wurde auch eine neue Reservierung für 6,90 € fällig. Die Abfahrt in Braunschweig sollte nun um 7:58 Uhr statt 8:58 Uhr erfolgen.

Samstag, 18. Juli 2026: Reiseabschnitt Braunschweig Hbf – Paris Est (Ostbahnhof)

Der ICE 595 von Berlin nach München startete einigermaßen pünktlich in Braunschweig und brachte mich ohne größere Probleme nach Mannheim. In Mannheim erfolgte der Umstieg in den ICE 105, der die Strecke von Hamburg Hbf nach Chur in der Schweiz bedient und mit dem ich bis nach Karlsruhe fahren sollte.
Ankunft in der ehemaligen Haupt- und Residenzstadt des Landes Baden sollte planmäßig um 12:59 Uhr sein. Ich meine, der Halt erfolgte einigermaßen pünktlich. Bis zur Abfahrt des ICE 9572 um 15:32 Uhr blieb genug Zeit, sich etwas zu bewegen und eine Kleinigkeit zu essen. – Pustekuchen!

Mit dem Zeitstempel 13:17 Uhr erreichte mich eine E-Mail der DB-Reisebegleitung mit dem Betreff: „Teilstrecke von Karlsruhe Hbf nach Paris Est fällt heute aus“.
Solche Nachrichten sind der Grund, warum ich die letzten Jahre in Paris übernachte. Nur half mir dieser Fakt in jenem Moment nicht weiter. So wandte ich mich vertrauensvoll an eine Mitarbeiterin im DB-Reisecenter. Von ihr erfuhr ich, dass der Zug am Tag zuvor ebenfalls ausgefallen war. Ich bekam einen Reiseplan für die Strecke Karlsruhe – Strasbourg. Dort sollte ein TGV abfahren, der den ausgefallenen ICE von Stuttgart nach Paris Est ersetzte.

Nach Strasbourg kamen etliche andere Gestrandete und ich mit dem RE 2 und dem RS 4, wobei der zweite Teilabschnitt von Appenweier aus bereits in Kehl endete. Von dort nahmen die Passagiere, die nach Strasbourg mussten, die Tram der Linie D. Am Bahnhof der „Hauptstadt Europas“ angekommen, blieb mir noch etwas Zeit, und ich war froh, als ich es mir etwas später im bereitgestellten TGV bequem machen konnte. Abfahrt war um 16:31 Uhr. Nach 105 Minuten konnte ich den Zug verlassen und mit der Metro zum Bahnhof Gare de Lyon fahren, in dessen Nähe sich das Hotel „ibis Styles Paris Gare de Lyon TGV“ befindet.
Im Hotel angekommen, brachte ich meinen Koffer ins Zimmer. Nachdem ich mich etwas frisch gemacht hatte, suchte ich den nahegelegenen „Carrefour City“ auf, um noch eine Flasche Wasser für den kommenden Reisetag zu besorgen. Anderthalb Liter „Eau minérale pétillante“ für 48 Cent.
C’est possible!
Zurück im Hotel verspeiste ich den Rest der am Morgen mit Hummus beschmierten Vollkornbrotstullen. Das mag hausbacken erscheinen, aber das in den Bahnhöfen angebotene Fastfood ist nicht so mein Ding. Außerdem fordert die Nutzung der 1. Klasse ihren Tribut.
Das am Abend um 23:00 Uhr stattfindende WM-Spiel um den dritten Platz zwischen Frankreich und England ging ohne mich über die Bühne. Zum Anpfiff war ich längst im Reich der Träume.

Sonntag, 19. Juli 2026: Reiseabschnitt Paris Gare de Lyon – Villeneuve-Loubet Plage

Leider war das Bahnhofsgebäude des Gare de Lyon wegen Renovierungsarbeiten an der Fassade im Sommer 2026 verhüllt. Das nach Plänen des Architekten Marius Toudoire für die Weltausstellung von 1900 erbaute Empfangsgebäude ist eines der bedeutendsten und prachtvollsten Bahnhöfe Europas und ein Meisterwerk der Architektur des späten 19. Jahrhunderts.

Um sieben Uhr ließ ich mich vom Wecker meines Fairphones aus dem Schlaf holen, um einigermaßen entspannt in den Tag zu gleiten. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit den üblichen Croissants, Rührei, Joghurt und mit Konfitüre beschmierten Baguettescheiben fühlte ich mich für die nächste Etappe gerüstet.

Der Zufall wollte es, dass Enno, ein guter Freund von mir, mit dem Zug von Basel aus über Paris in den Westen Frankreichs reisen wollte. Dass wir beide zur gleichen Zeit am Gare de Lyon sein würden, stellte sich in einem unserer Signal-Chats heraus.
Seine Ankunftszeit war 10:42 Uhr und meine Abfahrtszeit 11:22 Uhr. Beide Züge endeten oder starteten auf Gleisen in der Hall 2 des „Lyoner Bahnhofs“.
Wir hatten uns seit Februar nicht gesehen. Umso größer war die Freude, sich konspirativ in Paris auf einen Kaffee treffen zu können. „Leider“ wurde mein Zug – der TGV INOUI 6165 – relativ früh bereitgestellt, sodass uns nur ungefähr 20 Minuten gegönnt waren, uns auszutauschen. Unsere Wege trennten sich. Enno, der noch ca. drei Stunden Aufenthalt in der Stadt der Liebe vor der Brust hatte, musste zum Pariser Bahnhof Montparnasse, von dem aus die TGV in Richtung Westfrankreich starten.

Gut gelaunt stieg ich in den Hochgeschwindigkeitszug, der planmäßig in fünf Stunden und 22 Minuten in Antibes ankommen sollte. Nachdem ich meinen Koffer in den dafür vorgesehenen Bereich abgelegt hatte, machte ich es mir auf meinem Einzelplatz bequem, setzte mir den Kopfhörer auf und meldete meiner Familie die pünktliche Abfahrt in Paris. 2 ½ Stunden lang sollte der Zug jetzt bis zum ersten Halt in Avignon TGV unterwegs sein. 150 Minuten schienengebundenes Schweben mit 300 km/h, und das ohne Passagierbewegungen (Ein- und Ausstiege) – mehr Reisen als Transportieren.

Nach dem Halt im Bahnhof Avignon TGV, der ca. drei Kilometer südlich des Zentrums der Rhônestadt liegt, erreichte der Zug als Nächstes Toulon. Jene südfranzösische Hafenstadt, in der auch der Autor dieses Textes im Jahr 2024 Geschichte schrieb.

Um 15:10 Uhr verließ der Zug den Bahnhof Toulon. Der nächste planmäßige Halt sollte in etwas mehr als 50 Minuten in Saint-Raphaël-Valescure sein. Ich wähnte mich fast am Ziel, denn zwischen der Ausfahrt in Toulon und Villeneuve-Loubet lagen noch knapp zwei Stunden. Es kam anders, und zwar gewaltig.

Der Schienenbruch bei Carnoules

Zwanzig Minuten nach der Abfahrt vom Bahnhof Toulon – der TGV passierte gerade den Bahnhof des kleinen Ortes Carnoules – gab es unerwartet ein lautes Geräusch. Es klang, als würde Stahl mit enormer Kraft auf Stahl treffen. Gleichzeitig schwankte der in Doppeltraktion fahrende und mit knapp 900 Fahrgästen gefüllte Hochgeschwindigkeitszug dermaßen bedrohlich, dass ich dachte, er würde sich jetzt auf die Seite legen. Sekunden später kam der Zug zum Stehen. Was genau passiert war, erfuhr ich erst später aus der Presse: Laut SNCF, die La Provence zitiert, hatten sich die Schienen bei Carnoules unter der extremen Hitze verformt, und der Zug erlebte einen „Ruck“, bevor er zum Stehen kam. Eine Fahrgästin aus Nizza sprach gegenüber der Zeitung von Erschütterungen wie in einem Flugzeug. An Bord waren nach SNCF-Angaben 837 Fahrgäste, meine Schätzung von knapp 900 lag also nicht weit daneben.

Nach einer kurzen Schockstarre innerhalb meines vollbesetzten Abteils entwickelten sich angeregte Gespräche in unterschiedlichen Landessprachen. Die erste Ansage der Zugführerin über die Beschallungsanlage deutete auf Ratlosigkeit hin. Immer wieder kamen Durchsagen in französischer Sprache, die ich akustisch nicht verstehen konnte.
In der Zweisitzerreihe links neben mir saß ein älteres Ehepaar. Da ich bestrebt war, etwas mehr zu erfahren, sprach ich den Herrn, der mir sehr gebildet schien, an. Er schilderte mir auf Englisch, was zu jenem Zeitpunkt an Fakten bekannt war.
So stellte sich die Situation gegen 18:30 Uhr dar:
Gegen 15:00 Uhr brach in der Nähe von Taradeau ein Feuer aus, das sich sehr schnell ausbreitete. Die Hochspannung in den Fahrdrähten wurde ausgeschaltet und eine Evakuierung des Zuges angestrebt. Die Berichterstattung, die ich später las, setzt die Akzente etwas anders: Zuerst war demnach die Hitze schuld, nämlich die verformten Gleise, und der Brand bei Taradeau folgte kurz darauf. Er verwüstete rund 180 Hektar, und der Zugverkehr zwischen Les Arcs und Toulon wurde in beide Richtungen eingestellt.
Inzwischen war die Stimmung im Zug umgeschlagen. Einigen Fahrgästen sah man die Angst regelrecht an. Wie ich später las, spitzte sich die Lage im Zug für manche noch weiter zu: Die SNCF gibt an, die Klimaanlage im betroffenen Zug abgestellt zu haben, in meinem Zugteil lief sie allerdings weiter. Andere Fahrgäste berichteten La Provence von über 45 Grad bei rund 40 Grad Außentemperatur, von mehreren Ohnmächtigen und von einer Panikattacke bei einem jungen Mädchen. Eine Gruppe Jugendlicher entspannte sich mit einigen Dosen Heineken aus der Bar, so heißt der Speisewagen bei der SNCF. Ich war recht ruhig und empfand die Situation als sehr spannend, ohne dabei Angst zu haben. Vielleicht kam mir zugute, was man den Angehörigen der Generation X gemeinhin nachsagt: die Fähigkeit, etwas auszuhalten. Jedoch taten mir die Passagiere leid, denen die Umstände doch sehr zu schaffen machten.
Gegen 20:00 Uhr kam die Aufforderung, den Zug samt Habseligkeiten zu verlassen. Diejenigen, die körperlich in der Lage waren, den Sammelpunkt allein zu erreichen, mussten in Fahrtrichtung rechts aussteigen. Für Mobilitätseingeschränkte sah man die linke Seite vor. Wie La Provence berichtet, hatten Sicherheitskräfte wegen der Hitze zuvor bereits mehrere Türen geöffnet, und einzelne Fahrgäste waren ohne Erlaubnis ausgestiegen. Der geordnete Ausstieg wurde von SNCF-Mitarbeitern, zwei Gendarmerie-Einheiten und 15 Feuerwehrleuten überwacht; eine Fahrgästin kam mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus von Brignoles.

Evakuierung zu Fuß

Sammelstellen und Fußweg zum Bahnhof Carnoules (eigene Bearbeitung; Kartenausschnitt: OpenStreetMap-Mitwirkende, Kacheln mit freundlicher Genehmigung von Andy Allan).

Als die Aufforderung zum Verlassen des Zuges meine Ohren erreichte, war mir sofort klar, dass es jetzt ungemütlich wird. Ich hatte urplötzlich schlechte Laune. In Sandalen und mit einem schweren, mittelgroßen Rollkoffer in der Hand stand ich im Schotterbett und schaute in Richtung Westen. Etwa 200 Meter lagen vor uns, dann sollten wir den ersten Sammelpunkt erreichen. Kurz vor dem Ziel kam ein junger Feuerwehrmann auf mich zu und nahm mir den Koffer ab. Welch eine Erleichterung. Nicht allen ging es so gut: Der beIN-Sports-Moderator Thomas Ferro Villechaize erzählte in einem Video, dass er mit zwei Koffern à 25 Kilo an den Gleisen entlanglief und nicht glaubte, es zu schaffen.

Warten und Weiterfahrt ab Carnoules

Ankunft am Sammelpunkt 2 vor dem Gebäude des Gare de Carnoules.

Ziel war ein Wirtschaftsweg. Hier warteten – ich vermute – Ortsansässige mit ihren PKW, um erschöpfte Evakuierte aufzunehmen und zum Bahnhof Carnoules zu bringen. Ich entschied mich, zum Bahnhof zu laufen.

Nach einer Fußreise von ungefähr 20 Minuten kam ich am „Gare de Carnoules“ an. Einige der Evakuierten waren schon da. Es bildeten sich Gruppen von Menschen, in deren Gesichtern alles von Erschöpfung bis Ratlosigkeit zu lesen war. Die Gemeinde hatte laut La Provence einen Mehrzweckraum als klimatisierten Wartebereich bereitgestellt, für Bürgermeister Christophe Cortes eine Premiere. Ich beobachtete ein paar Minuten das Geschehen, zum einen, um die Lage zu sondieren, aber auch, um etwas zur Ruhe zu kommen.
Neben einer Handvoll Feuerwehrfrauen und -männern, die sich um die ehemaligen Passagiere des TGV 6165 kümmerten, standen auch einige Einsatzfahrzeuge am Rande des Sammelplatzes.
Außerdem erkannte ich den jungen Mann wieder, der eine Reihe schräg hinter mir im Zug saß. Er war mir schon im Zug aufgefallen, weil er trotz der sichtbaren Anspannung gut mit der Situation umzugehen schien. Wie ein Krisenmanager hantierte er mit seinem Smartphone. Er telefonierte viel und schaute immer wieder auf das Display seines Mobiltelefons, um, meinem Eindruck nach, Informationen einzuholen. Viel kommunizierte er mit seiner ihm bis dahin wohl unbekannten Sitznachbarin, der die Lage augenscheinlich zu schaffen machte.
Ich entschied mich, ihn anzusprechen. Als er begann, auf meine Frage zu antworten, klingelte sein Handy und ich geriet in eine Nebenrolle. So wandte ich mich an einen Feuerwehrmann, der, standhaft wie eine Litfaßsäule, auf die Fragen der Hilfesuchenden antwortete.
Mein Anliegen trug ich in französischer Sprache vor. Seine Antwort kam prompt. Ich bedankte mich und sprach noch in typischer Ingo-Manier ein „Grande merde“ aus, worauf der freundliche und lächelnde „Pompier“ mit „großescheiße“ antwortete. Ein schöner Moment an diesem ungewöhnlichen Sonntag.

Ich erfuhr, dass ein Regionalzug bereitgestellt wurde, der uns nach Toulon oder Marseille bringen würde. Nach der Begegnung mit dem Feuerwehrmann sprach mich ein Mann an und fragte, ob ich mich seiner Gruppe anschließen wolle, um gemeinsam mit dem Taxi nach Cannes zu fahren. Ich verneinte, da mein Zielort östlich der Filmfeststadt liegt. Noch einfallsreicher waren zwei Fahrgäste in ihren Dreißigern: Sie fuhren laut La Provence per Anhalter in eine nahegelegene Stadt und kamen von dort mit BlaBlaCar nach Nizza, gegen 22:30 Uhr statt planmäßig um 17:30 Uhr.

Als ich mich langsam zum Erlösungszug bewegte, sah ich, dass immer noch Gruppen von Passagieren auf dem Bahnhofsvorplatz eintrudelten. Inzwischen waren auch mobilitätseingeschränkte Reisende dabei, die mit Rettungswagen zum Sammelpunkt gebracht wurden.
Auf dem Bahnsteig machte ich noch ein Bild vom havarierten TGV und stieg anschließend in den bereitgestellten Triebwagen der Baureihe 73500 des Zugherstellers Alstom, der auch Werke in Salzgitter und Braunschweig betreibt.

Inzwischen war es ca. 21:00 Uhr. Das Abteil füllte sich und ich erkannte Gesichter wieder, die während des Sonntags schon öfter in mein Blickfeld geraten waren. Ich saß in einer Vierersitzgruppe am Fenster, und aus den Schlitzen blies die Klimaanlage, die gefühlt auf 10 Grad eingestellt war, ihre kalte Luft in den Innenraum. Die Durchsagen über die Lautsprecher waren wie gewohnt zu schnell in der Landessprache gesprochen und für meine Ohren nicht zu verstehen. Einem vermutlich aus dem englischsprachigen Raum stammenden Pärchen ging es genauso, was die beiden auch mit ihrer Mimik sichtbar machten. Darauf wurde eine junge Frau aufmerksam, die sich auf einem ausklappbaren Notsitz am Zugang zum Abteil ihrem Handy widmete. Dennoch erkannte sie die Ratlosigkeit des Pärchens und übersetzte die Durchsage ins Englische. Als ich das wahrnahm, sprach ich Asia (so ihr Name, den ich später in Marseille erfragte) an, um den Stand der Dinge zu erfahren. Sie übersetzte mir die per Durchsage übermittelten Informationen.
Es war der Moment, in dem sich eine vierköpfige Schicksalsgemeinschaft bildete, der ich bis zum Ausstieg in Antibes angehören sollte.
Vom Krisenteam der SNCF wurde folgendes Vorgehen beschlossen:

Der bereitgestellte Zug bringt die Passagiere über Toulon nach Marseille Saint-Charles. Ein Teil der eingestiegenen Mitreisenden nahm das Angebot an und fuhr nur bis Toulon. Es war und ist mir unklar, warum eine Gruppe nur bis Toulon fahren wollte. Was ich aus den Durchsagen heraushören konnte, war, dass die Touloner Gruppe auf Regressansprüche gegen die SNCF verzichten musste.

Kurz vor dem Einstieg in den Zug, der uns nach Marseille bringen sollte, machte ich noch ein Bild des verwaisten TGV 6165.

Übernachtung im Hotelzug

Wir kamen gegen 23:00 Uhr in Marseille an und wurden von Mitarbeitern der SNCF zu einem TGV geleitet, der an Gleis 1 auf uns wartete. Dieser sollte uns bis zum nächsten Morgen beherbergen.
Asia ging wie selbstverständlich voran. „Wenn schon Hotelzug, dann dekadent“, wird sie sich gedacht haben, und suchte uns ein Abteil der 1. Klasse in der unteren Ebene des TGV-Duplex aus. Für die meisten von uns war es sicherlich das erste Mal, in einem nicht fahrenden Zug zu übernachten. Erstklassig, aber unbequem. Ich wählte eine Vierer-Vis-à-vis-Sitzgruppe mit Sicht auf den Bahnsteig.

Meine Schlafstätte in der 1. Klasse des bereitgestellten TGV für die Übernachtung in Marseille.

Kurz nachdem sich unsere Schicksalsgemeinschaft einigermaßen eingerichtet hatte, brachte uns das SNCF-Team sogenannte SNCF-ASSISTANCE-REPAS-Pakete. Diese beinhalteten neben Wasser, einer Dose Taboulé, Apfelmus, Keksen und einer kleinen Tüte Haribo auch ein Set mit Löffel und Gabel aus Holz sowie ein Erfrischungstuch. Geschmacklich nicht unbedingt „Haute Cuisine“, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen! Wasser war genug vorhanden.
Wenig später wurden uns in Plastik verpackte Decken gebracht. Diese schienen mir für die Einwegnutzung vorgesehen zu sein. Außerdem noch ein Kissen im IKEA-Look. Alles war vorbereitet für meine erste Nacht in Marseille, jene Hafenstadt, die neben dem slowakischen Košice Europäische Kulturhauptstadt 2013 war. Wir waren nicht allein: Nach Angaben der SNCF verbrachten fast 150 Fahrgäste die Nacht in dem abgestellten Zug, weil die Hotelkapazitäten in der Ferienzeit nicht ausreichten. Zwei Freiwillige des Zivilschutzes aus den Bouches-du-Rhône halfen bei der Betreuung.
Auf der anderen Seite der Vierersitzgruppe machte es sich zwischenzeitlich eine Frau in den Sechzigern bequem. Sie fiel mir schon im Laufe des Tages wegen ihrer Ähnlichkeit mit Simone Signoret und ihrer offenen Art auf. Außerdem rauchte sie und schien relativ entspannt, obwohl sie den darauffolgenden Montag in Nizza arbeiten musste.
Ich versuchte, es mir bequem zu machen. Irgendwann gegen drei Uhr übermannte mich die Müdigkeit und ich schlief ein.

Der TGV INOUI special

Eine Aufnahme des Bahnsteigs, an dem der TGV Nuit steht. Es war 6:00 Uhr am Montagmorgen. Der Blick geht Richtung Osten.

Als ich um 6 Uhr wach wurde und mich kurz danach Richtung Bahnhofstoilette bewegte, um mich etwas frisch zu machen, kehrte langsam Leben in den Bahnhof Marseille ein. Zwei Hotelzuggäste standen am Zug und rauchten. Erste Regional- und Stadtbahnzüge erreichten die Marseiller Bahnsteigkanten und entließen Dutzende Passagiere in die neue Arbeitswoche. Einige Reisende schauten verdutzt in unseren Zug. Ein Aktenkofferträger meinte wohl, es sei sein planmäßiger Zug nach Nizza und stieg ein. Ob er im Zug bleiben konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.
Nachdem das Zugpersonal den TGV startklar gemacht hatte, verkündete der Zugchef die Abfahrt des TGV INOUI special. Es war ca. 7:20 Uhr.
Die Route entsprach der eines planmäßigen Zuges. So durchfuhren wir auch den Bahnhof Carnoules. Auf einem Nebengleis stand der havarierte 6165er, an dem äußerlich nichts zu erkennen war. Einige Minuten später erreichte der Zug die Stelle, die für den Ausfall des TGV gesorgt hatte. Das Feuer schien bis an die Gleisanlagen gekommen zu sein. An wenigen Stellen, die von der Feuerwehr beobachtet wurden, qualmte es noch. Wie weit die Folgen des Tages reichten, wusste ich noch nicht: Nach SNCF-Angaben waren rund zehn TGVs betroffen, mit Verspätungen von vier bis fünf Stunden, und drei Züge erreichten ihr Ziel gar nicht. Die Gewerkschaft CGT Cheminots aus Les Arcs, die gegenüber Var-Matin von fast 1.200 festsitzenden Reisenden sprach, warf der SNCF später vor, jahrelange Sparpolitik habe aus einer außergewöhnlichen Wetterlage eine Bahnkrise gemacht; die SNCF-Führung antwortete darauf. Der Brand war nach Angaben von La Provence bald weitgehend unter Kontrolle, und der Zugverkehr lief laut SNCF wieder normal. In Antibes musste ich den Zug zum Umsteigen verlassen. Ich verabschiedete mich von allen, mit denen ich die letzten Stunden schicksalshaft verbunden war. Bei Asia, die schon wieder ihr Smartphone in der Hand hatte, bedankte ich mich ausdrücklich für ihren Support, nahm meine Sachen und entstieg dem TGV INOUI special.

Diese Aufnahme machte ich, als ich dem TER entstiegen bin. Inzwischen war es 10:35 Uhr.

Kurz nach 10:30 Uhr kam ich in Villeneuve-Loubet an. Zum Hotel brauchte ich ca. sieben Minuten. Nachdem ich dort angekommen war, aß ich ein wenig, suchte mein Zimmer auf und schlief ein paar Stunden.

Der Urlaub sollte nun endlich beginnen, hielt aber weitere Überraschungen für mich parat, die teilweise schmerzhaft werden sollten und mich auch verzweifeln ließen.

Quellen

La Provence, 20.07.2026 (aktualisiert 21.07.2026), Laetitia Lienhard: „Ich hatte Angst“ – Zwischen Bränden und hitzeverformten Schienen: das Martyrium der SNCF-Fahrgäste in der Provence.

Var-Matin, 30.07.2026: Nach dem Bahnchaos durch die Hitzewelle und den Brand in Taradeau ebbt die Wut der Eisenbahnmitarbeiter in Les Arcs nicht ab.

 

Anmerkungen:
Der Text wurde von mir verfasst. Der "Künstliche Ingo" - auch KI genannt - prüfte den Text auf Plausibilität. Tatsächlich hatten sich z. B. bei der TGV-Zugnummer Zahlendreher eingeschlichen. Außerdem hat er mir bei den Zwischenüberschriften und beim Einbinden der Aussagen aus den angegebenen Quellen unterstützt.